… and the Sun was Green…
for 24 musicians
Instrumentation:
2fl (afl/picc, fl/bfl), ob (eh), 2cl (2=bcl), bn (cbn), sax (ss/ts), trp, hn, tbn, 2perc, hp, 2pno, acc, str (3.2.2.2.1)
“…and the Sun was Green…”
This is a line from an Armenian wedding song—a praise of the groom.
The song in question, “Tagvoragowk‘” (“Praise of the King”), is especially remarkable because it was recorded only once. In this musical tradition, that is highly unusual: normally, several variants of a song exist and evolve across generations. But this piece survives only in this single version—a genuine rarity.
When we look at the text, we immediately sense how old and primordial this song is. Some of its metaphors are typical of Armenian wedding songs: the bride is compared to the moon, the groom to the sun; they appear as queen and king, and the wedding itself becomes a cosmological ritual—like a coronation ceremony.
Yet one turn of phrase is unusual: the sun—or sunlight—is called green. I encounter such an image extremely rarely, perhaps only once or twice at all.
I had known this song for a long time, but it came back to me recently when I read that the ancient Egyptian god Osiris—the sun of the underworld, god of the afterlife and rebirth—was often depicted in green. I realized that this song contains deeper layers and archaic remnants that might reach back to other ancient cultures.
Armenian villages were traditionally very closed communities, which allowed village music to be preserved in a particularly archaic form.
I did not quote the song or use its material directly. And yet it remained in the back of my mind while I was composing. Perhaps, in the complex rhythmic structures and the constantly shifting microtonal modes, one can sense a distant kinship with the original song.
More generally, I am preoccupied with the question of how a single-line melos—simple monody—can give rise to a richly faceted polyphony. By “polyphony” I mean several independent voices: a weave of autonomous lines that together form layers, chords, and figures—a dynamic network of self-sufficient monodies.
Beyond that, for me polyphony is not only a musical term, but an idea, a worldview, a result of self-reflection. It is mirrored in the structure, the form, and even in the tempo conception of my pieces.
The work consists of five movements. The movement titles are less direct descriptions than keywords—meant to help performers and listeners find an entry point into the character of each part:
- Gloria — Five tempo layers, or formal sections, returning in an “eternal” cycle of recurrence.
- Reigen (Round dance) — Whereas Gloria feels more vocal, almost sung, this movement is more sculptural and dance-like. Seven sonic situations interlock organically here.
- Schmelzende Zeit (Melting Time) — Begins with a powerful climax: a huge chord that dissolves into pulsing motion—“time melts.”
- Wildwuchs (Wild Growth) — Builds on the material of Reigen. But while everything there unfolds in an ordered, organic way, here genuine chaos reigns—creating new orders on other levels.
- Pax — Three layers converge into a shared unison, which then slowly dissolves “in slow motion” and breaks apart organically.
Back to the title of the work: “…and the Sun was Green…”
Beyond the symbolic aspect of this image—the green sun as a sign of eternal life, youth, strength, and all-pervading love—I kept asking myself:
How do we encounter this image in our immediate experience, in our inner life?
What resonance does this idea awaken in us?
This work is my answer to that question.
Commissioned by Klangforum Wien.
World premiere: 16 November 2025, Wiener Konzerthaus.
für 24 Musiker
Besetzung:
2 Fl (Altfl/Picc, Fl/Bfl), Ob (Eh), 2 Kl (2=Bkl), Fg (Kfg), Sax (SopSax/TenSax), Trp, Hn, Pos, 2 Schlzg, Hf, 2 Klav, Akk, Str (3.2.2.2.1)
„…and the Sun was Green…“
Dies ist eine Zeile aus einem armenischen Hochzeitslied, einem Bräutigamslob.
Das Lied, von dem hier die Rede ist – „Tagvoragowk‘“ (Königslob) – ist besonders bemerkenswert, weil es nur ein einziges Mal aufgenommen wurde. In dieser Musiktradition ist das höchst ungewöhnlich: Normalerweise existieren mehrere Varianten eines Liedes, die sich über Generationen hinweg entwickeln. Doch dieses Stück gibt es nur in dieser einen Fassung – eine echte Seltenheit.
Wenn wir den Text betrachten, spüren wir sofort, wie alt und ursprünglich dieses Lied ist. Die Metaphern, die darin verwendet werden, sind teilweise typisch für armenische Hochzeitslieder: Die Braut wird mit dem Mond verglichen, der Bräutigam mit der Sonne; sie erscheinen als Königin und König, und die Hochzeit selbst wird zu einem kosmologischen Ritual, wie eine Krönungszeremonie.
Doch eine Wendung im Text ist ungewöhnlich: Die Sonne – oder das Sonnenlicht – wird grün genannt.
Ein solches Bild begegnet mir extrem selten, vielleicht ein- oder zweimal überhaupt.
Ich kannte dieses Lied schon lange, doch kürzlich musste ich wieder daran denken, als ich las, dass der altägyptische Gott Osiris – die Sonne der Unterwelt, Gott des Jenseits und der Wiedergeburt – häufig grün dargestellt wurde. Mir wurde bewusst, dass dieses Lied tiefere Schichten und archaische Rudimente in sich trägt, die bis zu anderen uralten Kulturen zurückreichen könnten.
Armenische Dörfer waren traditionell sehr abgeschlossene Gemeinschaften, wodurch sich die Dorfmusik in einer besonders archaischen Form erhalten konnte.
Ich habe das Lied selbst nicht zitiert oder das Material direkt verwendet. Dennoch war es in meinem Hinterkopf präsent, während ich an meinem Werk komponierte. Vielleicht lässt sich in den komplexen rhythmischen Strukturen und den sich ständig verändernden mikrotonalen Modi eine entfernte Verwandtschaft mit dem ursprünglichen Lied erahnen.
Generell beschäftigt mich die Frage, wie aus einem einstimmigen Melos – einer einfachen Monodie – eine facettenreiche Polyphonie entstehen kann.
Mit „Polyphonie“ meine ich mehrere selbständige Stimmen, ein Geflecht aus eigenständigen Linien, die gemeinsam Schichtungen, Akkorde und Gestalten bilden – ein dynamisches Netz autonomer Monodien.
Darüber hinaus ist Polyphonie für mich nicht nur ein musikalischer Begriff, sondern eine Idee, eine Weltanschauung, ein Resultat meiner Selbstbetrachtung. Sie spiegelt sich in der Struktur, der Form und auch in der Tempokonzeption meiner Stücke wider.
Das Werk besteht aus fünf Sätzen. Die Satzüberschriften dienen weniger einer direkten Beschreibung, sondern sind eher Schlüsselwörter, die den Interpret:innen und Zuhörer:innen helfen sollen, einen Zugang zum Charakter der jeweiligen Teile zu finden:
- Gloria – Fünf Tempoebenen bzw. Formteile, die sich in einem „ewigen“ Wiederkehr-Zyklus wiederholen.
- Reigen – Während Gloria eher vokal, fast gesungen wirkt, ist dieser Satz plastischer und tänzerischer. Sieben klangliche Situationen greifen hier organisch ineinander.
- Schmelzende Zeit – Beginnt mit einem gewaltigen Klimax, einem riesigen Akkord, der in pulsierenden Bewegungen zerfließt: „Die Zeit schmilzt.“
- Wildwuchs – Baut auf dem Material von Reigen auf. Doch während dort alles geordnet und organisch entwickelt wird, herrscht hier echtes Chaos, das auf anderen Ebenen wiederum neue Ordnungen schafft.
- Pax – Drei Schichten münden in ein gemeinsames Unisono, das sich schließlich langsam „in Zeitlupe“ auflöst und organisch auseinanderbricht.
Zurück zum Titel des Werkes: „…and the Sun was Green…“
Jenseits des symbolischen Aspekts dieses Sprachbildes – der grünen Sonne als Sinnbild des ewigen Lebens, der Jugend, der Kraft und der allgegenwärtigen Liebe – fragte ich mich immer wieder:
Wie begegnet uns dieses Bild in unserer unmittelbaren Erfahrung, in unserem inneren Erleben?
Welche Resonanz ruft diese Vorstellung in uns hervor?
Dieses Werk ist meine Antwort auf diese Frage.
Auftragswerk von Klangforum Wien.
Uraufführung: 16. November 2025, Wiener Konzerthaus